Alpine Gravel Hohgant
Es gibt Touren, die auf der Karte harmlos aussehen. Giswil nach Interlaken, 60 Kilometer, das klingt erst einmal überschaubar. Bis man merkt, dass da mehr als 2’000 Höhenmeter dazwischenliegen. Und dass die Linie vor dem Hohgant nicht einfach eine Verbindung zwischen Obwalden und Berner Oberland ist, sondern eine ziemlich eigenständige Voralpen-Tour mit alpinem Charakter.
Der Einstieg in Giswil ist einer der schönsten, die man sich wünschen kann. Kein langes Herausrollen und Suchen nach dem eigentlichen Beginn. Sondern: man startet und ist praktisch sofort auf Gravel. Nach gut zehn Minuten ist dann aber Schluss mit lockerem Einrollen. Die Auffahrt Richtung Glaubenbielen beginnt früh und bleibt lange präsent.
Der Glaubenbielenpass ist vielen Rennradfahrer:innen bekannt. Unsere Linie macht daraus aber etwas anderes. Zwar folgt man über einen grossen Teil ebenfalls der schmalen Passstrasse, die meistens nicht stark befahren ist. Trotzdem lohnt sich ein früher Start. Am Morgen ist die Stimmung besser und jedes Auto weniger ist ja immer ein kleines Geschenk.
Oberhalb von Giswil zeigt Obwalden zuerst noch einmal seine sehr klassische Seite. Höfe, Kühe und die Art von Alpgefühl, die nicht extra für Gäste inszeniert werden muss. Rund um die Mörlialp verlässt die Route die Strasse für rund zwanzig Minuten. Das reicht, um den Charakter der Auffahrt zu verändern. Plötzlich ist man nicht mehr nur unterwegs auf einen Pass, sondern mitten in dieser Landschaft.
Hinter dem Glaubenbielen wird die Tour grösser. In der Abfahrt Richtung Sörenberg steht die Schrattenfluh breit im Blick. Man fährt daran vorbei, schaut hinüber und versteht sofort, warum man dort vielleicht einmal mit Wanderschuhen zurückkommen sollte.
Sörenberg bringt kurz eine andere Stimmung hinein. Man spürt noch den Geist jener Skigebiete, die in den 1970er- und 1980er-Jahren gross geworden sind. Lifte, Ferienarchitektur, alte Wintersport-DNA.
Danach wird es noch stiller. Im Bereich Rossweid und Salwideli zeigt sich der Hohgant erstmals als eigentlicher Namensgeber der Tour. Die Landschaft ist jetzt weniger lieblich und kantiger. Gleichzeitig passiert man hier eine der angenehmeren Verpflegungszonen der ganzen Strecke. Mehrere unbediente Bauernhof-Kioske bieten lokale Glace, Linzertörtchen oder Kaffee an. Bezahlt wird per Twint. Wer es etwas gesetzter mag, sitzt bei den Bergwelten Salwideli auf der Terrasse.
Vor Kemmeriboden-Bad folgt der Übergang über das Satellemoos. Offizielle Bike-Route heisst hier nicht, dass alles rollt. Der Einstieg führt über einen alten, steinigen Maultierpfad. Rund zehn Minuten schieben gehören dazu. Das ist nicht tragisch, aber gut zu wissen. Dafür wird man oben mit einem Blick die Berner Alpen belohnt.
Der vielleicht überraschendste Teil kommt gleich im Anschluss. Im Gebiet Schwarzbach-Möser wird die Route leiser. Moor, Bergföhren und kleine Bäche ergeben eine Landschaft, die wier hier nicht erwartet hätten. Kein lauter Höhepunkt, eher ein Abschnitt, der einem Tempo herausnimmt.
Auf der Lombachalp kann man zum ersten Abschlussbier ansetzen. Man sollte einfach nicht vergessen, dass bis Interlaken noch knapp 15 Kilometer bleiben. Sie führen zwar überwiegend bergab, aber geschenkt ist auf dieser Tour ohnehin wenig.