Alpine Gravel Narèt

Es gibt Touren, die lassen sich sauber kategorisieren. Gravel. Road. MTB. Bikepacking. Und dann gibt es den Narèt. Die Strecke von Locarno nach Airolo ist vieles gleichzeitig: lange Talreise, steile Bergfahrt, einsame Hochgebirgspassage und am Ende auch eine ziemlich ausgedehnte Wanderung mit Velo.

Die Fakten sind klar: 80 Kilometer, 2360 Höhenmeter, Start in Locarno, Ziel in Airolo. Klingt nach einer grossen Graveltour. Ist es auch. Aber nicht nur.

Lange Anfahrt durchs Maggiatal

Von Locarno aus beginnt die Strecke erstaunlich freundlich. Wer am Vortag anreist und in Locarno oder Ascona übernachtet, kann den Morgen noch am Lago Maggiore beginnen lassen. Das passt gut zu dieser Tour, weil sie nicht hektisch startet, sondern sich langsam entwickelt.

Die ersten vielen Kilometer führen durchs Maggiatal. Und zwar nicht einfach daran vorbei, sondern mitten hindurch. Avegno, Maggia, Cevio, Bignasco, Peccia, Fusio: Die Dörfer liegen nicht dekorativ am Rand, sie sind Teil der Fahrt. Man rollt durch enge Gassen, vorbei an Steinhäusern, Brunnen, kleinen Läden und Grotti. Die offizielle Radroute macht diese lange Anfahrt angenehm, auch wenn bis Fusio bereits gut 60 Kilometer und über 1000 Höhenmeter zusammenkommen.

Das klingt nach viel. Fährt sich aber erstaunlich gut. Die Steigung kommt stetig, die steileren Abschnitte sind oft mit Serpentinen entschärft. Man sammelt Höhenmeter fast beiläufig. Ein schöner Ort für eine Pause ist das bekannte Grotto Pozzasc beim Eingang ins Val Bavona. Kein Geheimtipp, aber trotzdem sehr schön. Wer dort einkehrt, muss allerdings ein paar Höhenmeter extra in Kauf nehmen.

Hinter Fusio beginnt der Narèt

Fusio ist ein schönes erstes Mini-Ziel. Das Dorf liegt am Hang, sieht aus wie ein Tessiner Bergdorf aussehen soll und bietet gleich mehrere Möglichkeiten zur Einkehr. Doch wer zum Narèt will, fährt weiter.

Kurz darauf liegt der Lago del Sambuco in der Landschaft. Bei unserer Fahrt Anfang Juni hatte er sehr wenig Wasser. Das sah interessant aus, hatte aber auch etwas Beunruhigendes. Danach ist endgültig Schluss mit gemütlicher Talauffahrt. Ab hier beginnt die eigentliche Tour.

Die Strasse zieht steil hinauf Richtung Lago del Narèt. Rund 10 Kilometer und nochmals fast 900 Höhenmeter liegen zwischen Lago del Sambuco und der hochalpinen Seenlandschaft darüber. Dafür wird es mit jedem Meter eindrücklicher: felsiger, leerer, stiller. Lago del Narèt, Lago Scuro, Lago Superiore und weitere kleine Seen liegen hier oben in einer Landschaft, die mehr Hochgebirge als Velotour ist.

Man kann es nicht schönreden: Hier wird gelaufen

Über den Passo del Narèt kommt man nicht einfach fahrend hinweg. Zumindest nicht auf dieser Linie und schon gar nicht früh in der Saison. Am 12. Juni 2026 lag oberhalb von 2000 Metern noch viel Schnee. Auf der Nordseite und im Abstieg ins Bedrettotal bedeutete das: Schneefelder, Schieben, zwischendurch Tragen und auch mal nasse Füsse.

Man kann nicht darum herumreden: Auf dieser Tour wird viel gelaufen. Vom Lago del Narèt über den Pass und hinunter Richtung Alpe di Cristallina muss man realistisch mit rund zwei Stunden Fussanteil rechnen. Der Weg ist gut machbar, aber stellenweise verblockt. Manchmal ist Tragen sogar bequemer als Schieben.

Das klingt vielleicht nach Zumutung. Ist es teilweise auch. Aber der Übergang hat definitiv etwas für sich. Gerade weil man sich den Pass erarbeitet, verändert sich die Wahrnehmung. Es geht nicht mehr nur darum, möglichst elegant auf dem Gravelbike voranzukommen. Es geht um ein kleines alpines Unterwegssein mit Velo. Man ist langsam, nah an der Landschaft und ziemlich allein.

Abstieg ins Bedrettotal

Nach dem Pass folgt der Abstieg Richtung Alpe di Cristallina und weiter ins Bedrettotal. Auch hier ist zunächst noch Laufen angesagt. Erst später erreicht man wieder fahrbare Abschnitte und schliesslich eine sehr steile Fahrstrasse hinunter zur Nufenenpassstrasse. Von dort rollt man nach Airolo aus.

Airolo ist dann weniger Zielort mit grosser Romantik als vielmehr Rückkehr in die Zivilisation. Bahnhof, Getränke, trockene Socken, vielleicht etwas Salziges. Nach dem Narèt reicht das völlig.

Fazit

Alpine Gravel Narèt ist keine klassische Graveltour. Es ist Bike & Hike. Ziemlich langes Bike, dann ziemlich langes Hike. Wer nur fahren will, wird unterwegs vermutlich fluchen. Wer aber akzeptiert, dass das Velo hier zeitweise zum Wanderpartner wird, erlebt eine der eindrücklichsten Übergänge zwischen Maggiatal und Bedrettotal.

Auch wir fahren lieber, als dass wir laufen. Den Narèt würden wir trotzdem nicht auslassen.

Kurz gesagt: 80 Kilometer, 2360 Höhenmeter, lange Anfahrt durchs Maggiatal, steiler Aufstieg zum Lago del Narèt, rund zwei Stunden Bike & Hike über den Passo del Narèt und ein wilder Abstieg ins Bedrettotal. Kein einfacher Tag. Aber einer, der bleibt.

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