Ruhe über dem Vorderrhein
Die Surselva ist keine Gegend, die dauernd beeindrucken will. Auf uns wirkt sie weit, weich und friedlich. Schöne Dörfer, ruhige Wege und der Vorderrhein prägen das Tal, mal direkt neben der Strecke, mal tief unter uns. Gerade diese Gelassenheit macht den besonderen Charakter der Tour aus.
Unsere Strecke startet in Bonaduz und endet 74 Kilometer und rund 2’390 Höhenmeter später in Disentis. Dazwischen liegen die Rheinschlucht, Ilanz, Ruschein, Siat, Pigniu, Andiast, Waltensburg, Brigels, Schlans und Trun. Eine ganze Talschaft zu durchqueren fühlt sich am Ende auch tatsächlich nach Distanz an.
Von Bonaduz in die Rheinschlucht
Wir nehmen am Bahnhof Bonaduz den Hinterausgang, fahren kurz auf der Strasse und wechseln direkt in den Wald. Ein bisschen Norwegen zum Start. Schon nach rund 15 Minuten folgt auf dem Weg Richtung Versam der erste Tiefblick in die Rheinschlucht.
Vor Carrera gäbe es die Möglichkeit, über einen zusätzlichen Waldweg und eine Aussichtsplattform noch näher an die Ruinaulta heranzukommen. Wir bleiben auf der Strasse. Mit knapp 2’400 Höhenmetern liegt noch genügend Strecke vor uns.
In Valendas folgt dafür ein Halt, den wir jederzeit wieder einplanen würden. Der Gasthof zum Brunnen liegt direkt am riesigen Dorfbrunnen, ist ein sehr angenehmer Ort und serviert eine sensationelle Zwetschgenwähe. Der Brunnen selbst war einst gross genug, um rund 100 Stück Vieh gleichzeitig zu tränken. Zwei Bidons wirken daneben angenehm bescheiden.
Ab Ilanz wird es ernst
Bis Ilanz rollt die Strecke vergleichsweise entspannt und je nach Jahreszeit angenehm kühl. In der Stadt ändert sich das ziemlich abrupt. Über Ilanz fällt das Dominikanerinnenkloster auf, ein moderner Walter-Moser-Bau mit klaren Formen und deutlichen Anklängen an Le Corbusier. Direkt danach beginnt der erste längere und ernsthafte Anstieg.
Die Strasse nach Ruschein ist steil genug, weshalb wir bewusst auf der wenig befahrenen Hauptstrasse bleiben. Oben ändert sich der Charakter wieder. Ein Gravelübergang führt Richtung Siat und öffnet den Blick weit über die Surselva.
Ruschein selbst ist eines dieser Dörfer, die trotz vieler Zweitwohnungen ihren Charakter bewahrt haben. Auch Siat gefällt uns sehr. Die Ustria Steila wäre ein guter Ort für die nächste Pause. Nur liegt Valendas noch nicht lange genug zurück, um schon wieder einzukehren.
Pigniu, Andiast und die ruhige Höhe
Vor Pigniu verlassen wir die Strasse und nehmen einen kleinen Singletrail. Der spart rund 250 Höhenmeter, verlangt dafür stellenweise etwas Einsatz. Vieles ist fahrbar, an einzelnen Stellen muss das Gravelbike geschoben werden.
Pigniu bringt nebenbei noch ziemlich viel Geschichte in die Runde. 1799 erreichte General Suworow mit seiner Armee nach der Überquerung des Panixerpasses das kleine Dorf. Heute ist es deutlich ruhiger.
Richtung Andiast und Waltensburg wechseln sich Gravel und Teer angenehm ab. Zwischen Waltensburg und Brigels kommen Wiesenwege dazu. Die Surselva bleibt freundlich und weich, am Horizont tauchen nun aber zunehmend steilere und felsigere Berge auf.
Der schönste Abschnitt kommt spät
Zwischen Brigels und Schlans liegt für uns der landschaftlich schönste Teil der Tour. Ruhige Gravelstrassen ziehen hoch über dem Tal durch offene Hänge. Kaum jemand ist unterwegs. Hier passt vieles zusammen: Ruhe, Höhe, Aussicht und ein Weg, der sich lange sehr selbstverständlich durch die Landschaft zieht.
Danach geht es Richtung Trun hinunter. Ab hier wird die Strecke wieder einfacher und folgt dem Vorderrhein, auf Rätoromanisch Rein Anteriur, Richtung Disentis. Wer jetzt mit gemütlichem Ausrollen rechnet, liegt allerdings nur teilweise richtig. Bis ins Ziel sammeln sich nochmals einige Höhenmeter.
Dafür taucht gegen Ende die mächtige Klosteranlage von Disentis auf. Nach dem modernen Dominikanerinnenkloster in Ilanz könnte der Kontrast kaum grösser sein.
Zwei Klöster, zwei Weltanschauungen: Ilanz blickt nach vorn, Disentis zurück.
Verpflegung unterwegs
Der Gasthof zum Brunnen in Valendas ist für uns der Pflichtstopp. In Ilanz gibt es alles, um Vorräte aufzufüllen. Später wären die Ustria Steila in Siat und das Hotel Ucliva in Waltensburg gute Möglichkeiten für eine längere Pause.
Und weil wir Dorfläden mögen: Der Prima in Surrein ist ein besonders gutes Exemplar. Klein, praktisch und dank Selbstbedienung rund um die Uhr offen. Für die letzten Kilometer nach Disentis ziemlich perfekt.
Fazit
Alpine Gravel Surselva ist keine Tour, die von einem einzelnen grossen Höhepunkt lebt. Ihre Stärke liegt in der Summe: die Rheinschlucht am Anfang, die schönen Dörfer, die langen Querungen oberhalb des Tals, die Ruhe zwischen Brigels und Schlans und der Vorderrhein, der am Ende wieder ganz nah kommt.
Eine friedliche Alpenquerung, die unterwegs nie gross auftrumpfen muss. Und bei der man in Disentis trotzdem ziemlich genau weiss, dass zwischen Start und Ziel einiges liegt.