Alpine Gravel Schwarzsee
Diese Strecke beginnt erstaunlich pragmatisch. Man verlässt den Bahnhof Thun hinten raus, rollt am Stadion des aktuellen Schweizer Meisters vorbei, nimmt noch den Panzerübungsplatz mit und ist trotzdem schon nach wenigen Minuten mitten in dieser typischen Voralpen-Vorfreude. Die grossen Berge sind sofort sichtbar, bleiben aber noch eine Weile auf Distanz. Gut so, denn die ersten Kilometer lassen sich angenehm einrollen, bevor nach gut zehn Kilometern der Anstieg Richtung Gurniggel beginnt.
Dieser erste lange Aufstieg ist ein echter Arbeiter. Nicht brutal, aber stetig. Lange führt er durch den Wald, was an warmen Tagen sehr willkommen ist. Harmlos wird er dadurch allerdings nicht. Die Steigung bleibt oft präsent, echte Erholungspausen sind selten. Erst oberhalb von 1400 Metern öffnet sich die Landschaft wieder. Dann stehen plötzlich Thunersee und Brienzersee im Bild, dazu Eiger, Mönch und Jungfrau. Gleichzeitig kommt der Gantrisch immer näher. Man fährt hier nicht einfach auf einen Pass, man arbeitet sich langsam in eine andere Voralpenlandschaft hinein.
Hinter der Stierenberghütte, die man für Plättli, Kuchen oder Kaffee ziemlich zwingend einplanen sollte, bleibt die Route noch eine Weile oben. Für mich ist das einer der stärksten Abschnitte der Tour: fahrbare Wege, schöne Singletrails, viel Raum und immer wieder dieser Blick hinüber in den Gantrisch. Danach geht es hinunter ins Seeschlundtal Richtung Schwarzsee. Kurz wird es nochmals konzentriert: Einige steile Passagen sind fahrbar, aber nicht gratis. Wer keine Lust auf Gravelbike-Mutproben hat, schiebt ein paar Meter oder nimmt die pragmatische Variante aussen herum.
Der Schwarzsee selbst ist schön, aber sicher kein stiller Geheimtipp. Am Wochenende ist hier viel los, inklusive der entsprechenden touristischen Infrastruktur. Für die Dramaturgie der Tour funktioniert der See trotzdem perfekt. Er liegt fast wie ein Scharnier zwischen zwei Welten: Vorne das Berner Oberland mit grosser Kulisse und professioneller Ausflugslogik, hinten die ruhigeren Freiburger Voralpen.
Direkt nach dem See folgt der zweite lange Anstieg. Und zwar ohne höfliche Vorwarnung. Gleich zu Beginn ist es so steil, dass kurzes Schieben nicht nach Schwäche, sondern nach vernünftiger Tourenökonomie aussieht. Nach der Alp Balisa wird die Landschaft ruhiger und zurückgenommener. Das Freiburgische inszeniert sich weniger offensiv als das Berner Oberland, wirkt aber genau deshalb wohltuend. Spätestens bei der Kartause La Valsainte bekommt diese Stimmung einen Ort: zurückgezogen, still, fast absichtlich unaufgeregt.
Danach ist die grosse Arbeit getan. Es folgt eine schnelle Abfahrt Richtung Crésuz, ein letzter schöner Gravel-Moment am Lac de Montsalvens und schliesslich der Bahnhof Bulle. Am Ende bleibt eine Etappe, die viel Idylle bietet, aber nichts verschenkt. 73 Kilometer, 1920 Höhenmeter, zwei zähe Aufstiege und ein sehr schöner Übergang vom Berner Oberland ins Freiburgische.