Alpine Gravel Crêt-du-Midi

36 Kilometer? Lasst euch nicht täuschen.

36 Kilometer und 1'430 Höhenmeter sehen auf Komoot zunächst fast nach einer Halbtagestour aus. Spätestens nach den ersten Anstiegsmetern wird aber klar: Diese Runde ist deutlich grösser, als ihre Eckdaten vermuten lassen. Sie führt über 2'000 Meter Höhe, verlangt immer wieder etwas Fahrtechnik und verbindet alles, was das Val d'Anniviers zu einem der spannendsten Gravel-Reviere der Schweiz macht.

«Ça grimpe.»

Die erste Warnung erhalten wir noch vor dem Start.

Unsere Hotel-Wirtin schaut auf die geplante Route und fragt nur: «Avez-vous un vélo avec assistance?» Als wir verneinen, lächelt sie kurz. «Ça grimpe.»

Mehr muss sie eigentlich nicht sagen.

Direkt nach dem Start in Grimentz beginnt der lange Anstieg Richtung Refuge du Bisse und weiter zum Crêt du Midi. Anfangs rollt man noch entspannt über gut fahrbare Alpwege. Mit jedem Höhenmeter werden die Aussichten spektakulärer – gleichzeitig nehmen aber auch die Steigungsprozente zu.

Oben angekommen öffnet sich eine eindrückliche alpine Landschaft. Auf der einen Seite liegt das Val d'Anniviers mit seinen markanten Viertausendern. Auf der anderen fällt der Blick ins Vallon de Réchy – eines der letzten grossen, weitgehend unverbauten Alpentäler der Schweiz.

Allein für dieses Panorama lohnt sich der lange Anstieg.

Nicht jeder Singletrail muss perfekt fliessen

Kurz unterhalb des Crêt du Midi beginnt der erste Singletrail. Wer hier einen perfekt geshapten Flowtrail erwartet, wird enttäuscht. Immer wieder unterbrechen verblockte Passagen den Rhythmus und zwingen zum kurzen Absteigen.

Genau das gehört hier aber irgendwie dazu.

Die Landschaft lenkt den Blick ohnehin ständig vom Vorderrad weg. Der Trail führt hoch über dem Tal entlang, immer mit grossartigen Ausblicken auf die Walliser Alpen. Nach Orzival folgt ein kurzer Forstweg, bevor ein zweiter Trail beginnt. Dieser fährt sich deutlich flüssiger und macht richtig Spass. Nur an wenigen Stellen ist nochmals kurzes Schieben angesagt.

Wer auf technische Singletrails lieber verzichtet, findet übrigens am Ende dieses Textes eine zweite, deutlich fahrbarere Variante. Sie verläuft etwas unterhalb unserer Route, bietet ebenfalls fantastische Landschaft und eignet sich besser für klassische Gravelbikes oder weniger trailerfahrene Fahrerinnen und Fahrer.

Grimentz gehört zu den schönsten Bergdörfern der Schweiz

Rund eineinhalb Kilometer vor Grimentz wird der Weg wieder breit und schnell. Man erreicht das Dorf von Süden und rollt gewissermassen von hinten in den historischen Ortskern hinein.

Die dunklen Lärchenholzhäuser verleihen Grimentz eine aussergewöhnlich geschlossene Atmosphäre. Natürlich ist nicht jeder Winkel historisch erhalten geblieben, insgesamt gehört das Dorf aber ohne Zweifel zu den schönsten Bergdörfern des Wallis. Gleichzeitig ist es auch der perfekte Ort für eine Pause. Restaurants, Cafés, Bäckereien, kleine Dorfläden und ein Coop bieten alles, was man für die zweite Hälfte der Tour braucht.

«Oh là là.»

Nach Grimentz führt die Route nochmals über einen breiten Alpweg, bevor eine schnelle Strassenabfahrt zurück nach Vercorin den Schlusspunkt setzt.

Unterwegs begegnen wir immer wieder E-Bikern. Der Blick wandert vom Trail auf unsere Gravelbikes, dann folgt meist ein Lächeln und derselbe Kommentar:

«Oh là là.»

Vielleicht beschreibt das die Tour tatsächlich am besten.

Sie ist kurz. Sie ist anspruchsvoll. Und sie zeigt eindrücklich, warum das Val d'Anniviers zu den spannendsten Gravelregionen der Schweizer Alpen gehört.

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